Victorian Melancholy

Schneewittchens Lethargie



Es gibt Tage an denen ich so müde bin, ich fühle mich als ob ich den ganzen Tag schlafen könnte. Ich schlafe ein paar Stunden, bin wach für einige Minuten und lege mich wieder schlafen. Immer ausgelaugt, immer müde; immer, als würde etwas an meinen Kräften zehren.
Meine Träume an solchen Tagen sind immer am deutlichsten. Dinge, die ich fortführe, Fortsetzungen von vergangenen Tagen; dieses mal las ich das zweite Buch einer langen, langen Serie. Und auch dieses mal konnte ich die Fragen nicht beantworten die das Buch aufwarfen.
Doch eines habe ich gelernt - das wichtigste ist dass man einen Weg von Punkt A nach Punkt B findet. Danach kann man ruhig so viele Rätsel rein stecken wie man will; hauptsache es führt weiterhin nach Punkt B.
 
Gottseidank, denke ich mir. Wie hätte ich die Geschichte sonst weiter schreiben können? Da lag mein Fehler, denk ich weiter. Ich hab die Rätsel nach nirgendwo geführt. Dodie hat es mir gezeigt, ich blieb blind. Die Zahlenrätsel haben mir Hinweise geschickt, ich hab weiterhin stur in die falsche Richtung gesehen.
So lange man als Schreiber weiß wohin das Ganze führt, dann findet es auch ein Ende. Ist das der Grund warum Josephines Geschichte so einfach zu schreiben ist? Muriel, Sael, Martha, Edward - sie alle, sie alle, sie alle hatten eine Geschichte zu erzählen. Eines interessanter als das andere. Doch hab ich sie abgebrochen weil ich merkte dass der Inhalt immer mehr vom Weg abkam, immer mehr von dem abkam was sie mir eigentlich erzählten.
Josephines Geschichte ist so einfach zu schreiben. Vielleicht ist das der Grund weshalb sie sich fürchtet sie endgültig nieder zu schreiben.
 
Müdigkeit überkommt mich wieder. Es ist nicht der Schlaf nach dem ich mich sehne, das steht fest. Es sind die Träume die mir wichtig sind. Die Gedanken, die mich überkommen, in meiner eigenen Welt. Ich kann die Realität vergessen. Manchmal bin ich ein Glückspilz und schlafe wie ein Stein, ohne jeglichen Traum.
Dann kann ich die Realität wieder nicht unterscheiden. Alles ist distanziert. Knotenpunkt, denke ich mir. Lain durchlebte das gleiche. Nur ist sie eine Göttin und ich nicht. Ich bin nichts mehr als ein Mensch, vielleicht ein viel zu gefühlsbetonter Mensch. Habe keinen mit dem ich mich verbinden kann.
Verbinden. Wie ein Netz.
Was habe ich gelesen? Was hat sie mir damals gesagt? Was haben mir die verquerten Bilder damals gesagt? Es ist alles so offensichtlich. Man muss es nur zulassen. Keine Angst haben. Wenn man Angst hat, dann ertrinkt man. Man muss einen klaren Kopf bewahren - auch wenn es schwierig ist, denn es gibt niemanden der mir sagt ob ich in die richtige Richtung gehe oder nicht.
Aber es ist alles in Ordnung. Glauben, hat er mir gesagt. Immer wieder gesagt. Glauben, sagen all die Bücher. Glauben. Hoffen. Vertrauen. Das tue ich auch. Verstärke mich selber durch den Schmerz, den ich mir selber anfüge, Rillen, über die ich mit meinem Finger gefahren bin.
 
Du musst lernen loszulassen.
 
Närrin, hast du immer noch nicht gelernt?, sagt Snow. Sie lacht. Raucht. Streicht sich durch die Haare, blickt unsicher in den intensiv-blauen Himmel. Ich habe es dir gesagt, flüstert sie mir sardonisch lächelnd zu, schenkt mir für eine Sekunde ihren Blick. Ihre Augen sind heute der Himmel. Grau. Blau. Funkelnd.
Närrin, ich habe es dir gesagt. Fass ins Feuer und du wirst verbrannt. Ein Schmerz, den du nicht mehr vergessen kannst. Ein Schmerz nach dem du dich immer wieder sehnen wirst. Nur um zu wissen dass es keine Einbildung war. Nur um zu wissen dass die Gefühle da waren.
Ich weiß, sage ich, lächelnd. Maiden ist im Hintergrund, bereit einzugreifen wann immer die Gedanken mich umranken. Sie sind wie Dornen; graben sich tief ins Fleisch. Genauso sind Snows Worte. Ob sie mir noch wütend ist?
Ich weiß.
 Und sie lächelt mich an, drückt die halb gerauchte Zigarette und wuschelt mir durch die Haare. Sie ist mir nicht mehr wütend, denke ich mir, drücke ihre Hand. Sie war schon immer da. Seit meiner Geburt. Die bessere Hälfte von mir. Wie kann sie mir wütend bleiben? Sie kennt mich besser als jeder andere. Aurelius, Andrei, Alice. Sogar besser als Muriel und Sael. Besser als ich.
 
Besser als Blueberry.
 
Das Mädchen, das mich damals dazu trieb dieses kleine Tagebuch zu eröffnen. Damals war sie die Motivation, meine Hülle, die Figur in die ich mich zurück versetzte wann immer die Welt zuviel für mich wurde. Dann kam Alice. Chloé. Sie wurden drei, abwechselnd, obwohl Chloé nur im Hintergrund stand und dem Chaos zusah.
Was tat ich damals? Ich blättere durch das violette Notizbuch und sehe eine andere Person.
Was war ich damals?
Blueberry ist nicht mehr da. Sie lebt, aber sie ist nicht mehr da. Atmet. Müde. Lass los, höre ich eine Stimme sagen. Lass los.
 
Wachse aus deiner Hülle raus. Lass sie los. Du musst nicht wissen wer du bist. Du musst nicht wissen wer du sein wirst. Du bist auf dem richtigen Weg, höre ich die Stimme sagen. Eine sanfte Stimme. Snow? Chloé? Nein, dazu sind sie viel zu harsch.
Lass los.
 
Lass mich los, Ivory.
 
Und sie lächelt. Es war eine schöne Zeit, aber ich habe dich viel zu sehr in Anspruch genommen. Du musst dir selber vergeben können. Musst die Ängste los lassen können die dich begleitet haben.
Weiter gehen. Ich habe dich eine Zeitlang begleitet, aber jetzt musst du alleine gehen. Zudem hast du Snow und Aure, nicht wahr? Sie werden dir mehr helfen können als ich es jemals konnte. Sie sind stärker als ich es jemals sein konnte. Weiser als ich es jemals war.
Ich bin glücklich, glücklich dass du so stark geworden bist. Dass du auf dem richtigen Weg bist. Alice hat sich auch verändert. Ich bin so stolz.
Du bist nicht alleine. Nicht mehr. Nicht mehr.
 
Und ich denke mir, dieses Rätsel wurde noch nicht gelöst - aber ich bin auf dem richtigen Weg. Sie hat mir den Weg gezeigt. Und jetzt muss ich lernen selber auszukommen. Ich selber zu sein. Irgendeinmal, denk ich mir, wird sie wieder auftauchen. Sie braucht nur eine Auszeit. Eines Tages wird sie wieder da sein, strahlend, lächelnd; und sie wird mir wieder zeigen wie die richtige Art ist sich zu verbeugen.
 
Schneewittchens Lethargie hat mich wieder überkommen. Wieder ein Kokon, das ich gesponnen habe. Eine Schlafenszeit, in der ich wachsen werde. Stärker werde. Wie lange? Ich weiß es nicht. Aber ich werde versuchen diese apathischen Zeiten hinter mir zu lassen.
Zwei Jahre müssen es wohl sein? Zwei Jahre, in denen mich dieses "Tagebuch" begleitet hat. Wenn ich daran zurück denke, wie ich mich damals fühlte...
 
Stückchen für Stückchen...
 
Haha, dieser Eintrag macht kein Sinn, nicht wahr? Snow lacht. Schüttelt den Kopf.
So warst du schon immer. Bist von einem Punkt auf den anderen gesprungen. Aber nur so hast du Sinn gemacht. Nur so hast du deinen Gedanken freien Lauf geben können.
Ich lächle, nicke. Wahrscheinlich.
 
Dieses Tagebuch? Ich weiß nicht. Ein weiterer Teil des Knotenpunktes. Irgendeinmal werde ich meine Worte lesen und lachen können. Ein müdes Lächeln, Fragen; die Frage, weshalb ich damals so dachte.
 
 Es wird Zeit für das neue Kapitel in meinem Leben.
13.7.08 09:57
 


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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Galinor / Website (13.7.08 22:38)
Vorwärts zu denken ist auf jeden Fall ein gutes Vorhaben.
Ein gutes Vorhaben sich freizukämpfen aus einem Konkon, der so lange gefangen gehalten hatte, ein bemerkenswertes Vorhaben, die Kraft zu finden, sich zu befreien, ich weiß, wie es ist, in der eigenen Apathie unterzugehen, völlig machtlos mitanzusehen, wie die Gedanken wahnsinnig werden, wie schön es dann ist zu lächeln, Kraft zu spüren, alleine Kraft zu spüren.
Ich hoffe dein neues Kapitel wird schön beginnen und dort den Anfang vieler Seiten finden.


Pim (17.8.08 19:58)
Und zu einem neuen Kapitel gehören neue Begleiter die dich durch deine Seiten führen. Ich bin sicher, du wirst diese finden. Halt finden auf deinem Weg.

Ansonsten kann ich mich Gal nur anschließen...
Gedanken sind das Meer in dem sich jeder Mensch verlieren und untergehen kann. Ob er sich nun auf dem Festland befindet oder nicht.
Aber sie sind auch etwas schönes, auf jeden Fall bereichern sie unser Leben.

Wünsche dir wirklich alles Gute.
Du hast den ersten Schritt getan, den Nebel um deinen Weg etwas gelüftet, einen weiteren klaren Gedanken gefunden. Und so wirr der Rest auch sein mag - den nächsten Schritt zumindest kannst du nun gehen.

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